Foto: Ursula Freitag

Kirche, Kitsch, Kabäusken. Und Bücher. Alte und neue. Wo man das findet? Im kleinen, wirklich besonderen Buchladen von Ursula Freitag, die in Waldniel alle nur Usch nennen.  Der kleine Laden in der Marktstraße befindet sich direkt gegenüber vom Café Ferne Welten. Vor dem Geschäft steht immer ein so genannter „Störer“ oder „Kundenstopper“, ein blaues Schild, auf dem die Ladenbesitzerin jeden Monat mit Kreide ihr Gedicht des Monats aufschreibt. Wer das liest, hat schon den ersten Schritt getan. Hat sich eingelassen auf Poesie und die Kraft der Worte. Und ein bisschen auch schon auf den Zauber der vergangenen Zeiten, in denen das jeweilige Gedicht verfasst wurde. Wer dann das Ladengeschäft betritt, findet sich in einer mindestens ebenso fernen Welt wieder, wie der Name des gegenüberliegenden Cafés vermuten lässt. Eine Welt, die es etwa seit einem halben Jahrhundert oder anders gesagt – seit Smartphones, Netflix und Internet – so gar nicht mehr gibt.

 

Auf andere Art aktuell – und auf ganz spezielle Art wichtig für uns alle

Buchhandlung am Dom
Foto: Biggi Mestmäcker

Man findet sich in einem vergleichsweise kleinen Ladengeschäft wieder. Hier ist jedes Fleckchen ausgenutzt, leere Fläche gibt’s eigentlich nur da, wo man seine Füße hinstellen kann. Der vordere Raum ist das eigentliche Geschäft – mit Kassentisch, Warenpräsentationsbereich und Regalen rundherum. In diesem Teil des Geschäfts gibt’s Bücher, Devotionalien und spirituellen Schnickschnack – eben all das, was ich durchaus liebevoll gemeint, Kitsch und Kirche nenne,  und – die sind meist der Knaller – aktuelle Angebote, passend zur Saison.

Im letzten Quartal des Jahres sind das zum Beispiel die Nostalgischen Adventskalender mit ganz viel Glitzer, die direkt links neben der Ladentür eine ganze Wand zieren. Viele Erinnerungen weckt bei so mancher Kundin sicher auch das rote Sammelalbum mit Glanzbildern, das direkt vor der Kassentheke auf einem Hocker steht und darauf wartet, dass man sich die Zeit nimmt, es durchzublättern. Überhaupt – die Zeit. Die scheint still zu stehen in Uschs kleinem Laden. Dabei ist es gut, wenn man genug davon hat, wenn man in dieses Geschäft geht. Nur wer Scheuklappen hat, schafft es, sich hier nicht von Kirchenkram und Kitsch in den Bann ziehen zu lassen. Man könnte sagen, es gibt hier viele Dinge, die die Welt nicht braucht. Aber wer das sagt, der hat den Anspruch von Usch Freitag nicht verstanden.

Es sind vielmehr Dinge, die wir unbedingt und dringend brauchen in unserer oft seelenlosen, kalten und modernen Welt.  Wie schön ist es, wenn dir in einer dunklen Stunde eine Freundin einen Glücksstein schenkt, ein Freund dir einen Schutzengel mitbringt oder du deiner alten Nachbarin, die jetzt im Seniorenheim lebt, zu Weihnachten eine Mini-Krippe mitbringst, weil sie ihre alte große Krippe von früher nicht mitnehmen konnte in ihr neues Zuhause. Und selbst in dunklen Stunden findet man in diesem Laden Licht. Wer ein tröstendes Kondolenzgeschenk sucht, ist hier ebenfalls an der richtigen Adresse. Und wer selbst unsicher ist – ob bei Büchern oder Geschenkideen – die beiden Frauen im Team wissen immer Rat.

Fotos: Biggi Mestmäcker

 

All das gibt es in dieser kleinen Buchhandlung, die die räumliche Nähe zum Schwalmtaldom in ihrem Namen trägt. Das Geschäft befindet sich übrigens in dem Haus, in dem sich früher die elterliche Bäckerei befand und in dem Usch Freitag bereits seit Kindesbeinen lebt. Vielleicht ist ihre Verbundenheit zur katholischen Kirche, vielleicht sind die Devotionalien, die Rosenkränze und Kreuze, die es wie selbstverständlich auch in ihrem Laden – und als ‚Jesus Christ Merchandise“ auch online gibt, nur eine logische Folge eines beständigen Lebens unter dem höchsten Kirchturm im Bistum Aachen.

Bücherkauf mit Seele

Aber mal zurück zum Kerngeschäft – schließlich sind wir hier in einer Buchhandlung und in der sollte es um Bücher gehen. Geht es auch. Man bekommt hier jedes im Buchhandel erhältliche Buch. Weil der Laden klein ist, sind es die Lagerkapazitäten auch, was bedeutet, dass viele Bücher nicht vorrätig sind, man muss sie bestellen. Aber was heißt schon ‚muss‘? Es ist mir jedes Mal eine Freude. Denn erstens sind die Bücher – heute bestellt – morgen schon da. (Amazon ist da auch nicht schneller.) Zweitens erhält man jedes Buch geschützt in braunes Packpapier eingeschlagen, und wer es verschenken will, dem packt Usch es natürlich auch in hübsches Geschenkpapier ein. Und drittens erhält man bei jeder Abholung eine gehörige Portion Liebe. Ja, richtig gelesen – Liebe. Denn die steckt in großer Menge in diesem Geschäft, das spürt man, wenn man hineingeht, das sieht man, wenn sich umsieht und das fühlt man um so mehr, je länger man dort verweilt. Ach ja, und last, but not least – wer gerne intensive und ausdauernde Gespräche führt, der ist im Laden von Usch Freitag ebenfalls genau richtig. 😉

Antiquarisches aus dem Kabäuskes

Foto: Usch Freitag

Man bekommt übrigens auch alte Bücher, vermeintlich vergriffene Bücher und so manches alte Schätzchen. Die Buchhandlung am Dom ist auch ein Antiquariat. Und wer sich nun fragt, wo denn die ganzen alten Bücher sind, der hat sich wohl noch nie getraut, in den kleinen Flur hinter dem vorderen Ladenlokal zu treten. Das sollte man aber unbedingt mal tun. Denn dort geht der Zauber weiter. Direkt schräg gegenüber geht’s ins „Lesezimmer“ – rundherum mit bis unter die Decke vollgestapelten Bücherregalen – könnte man sich hier auch zum Stöbern im Lesesessel niederlassen. Dies ist auch der Raum, in dem Usch Freitag traditionell ihren ‚Literarischen November‘ veranstaltet. An vier Donnerstagen hintereinander lesen Autorinnen und Autoren zumeist aus der Region oder zu regionalen Themen in gemütlicher und liebevoller Atmosphäre. Einer kommt allerdings von weit her, sein Auftritt einmal im Jahr ist jedoch bereits legendär: Stephan Hähnel, der Meister des schwarzen Humors ist jedes Mal dabei. Wer sich im Flur nach links wendet, gelangt vorbei an unzähligen ans Kreuz genagelten Jesusfiguren – Usch würde mahnend sagend „Das nennt man Korpus!“ *gg* – und ungefähr einem halben Meter Rosenkränzen in den schillerndsten Farben ins „Kabäusken“ – so heißt das kleine Zimmer auf der linken Seite schon seit über 200 Jahren. Früher stand hier die große Schwarzbrotschneidemaschine. Der Raum ist ebenfalls randvoll mit – wie sollte es anders sein – alten Büchern. Hier befinden sich die besonders wertvollen Ausgaben antiquarischer Bücher.

Scheut euch nicht, so viele antiquarische Bücher wie ihr wollt, mitzunehmen. Abgerechnet wird vorne an der Kasse. Dort steht eine alte Waage, wie wir sie noch aus Tante Emmas Laden kennen. Sie stammt noch aus der Zeit, als mit ihr noch das Brot abgewogen wurde. Heute wiegt man in der Buchhandlung am Dom damit die antiquarischen Bücher aus, denn die verkauft Usch Freitag nach Gewicht. Ein Kilo kostet sechs Euro.


*Ich wurde für diesen Beitrag nicht bezahlt und auch nicht dazu aufgefordert. Wem er trotzdem wie Werbung vorkommt: Stimmt. Für dieses Geschäft werbe ich ganz freiwillig und von Herzen gern.

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