Ich hatte zufällig eine Abstimmung der Welle Niederrhein entdeckt, sie suchten das schönste Rathaus am Niederrhein. Als ich darauf aufmerksam wurde, lag Schwalmtal noch unter „ferner liefen“ im einstelligen Prozentbereich. Das konnte nur daran liegen, dass noch kaum ein/e Waldnieler*in von dieser Aktion gehört hatte. Denn hey – unser Rathaus ist doch total schön! Also postete ich den Link bei Facebook in eine Waldnieler Gruppe. Mit Erfolg – Waldniel hat gewonnen und Bürgermeister Pesch freut sich erstaunt darüber.

Aber ich habe auch gewonnen – an Wissen. Denn ich hatte angesichts dieser Aktion einfach mal nach „Rathaus Waldniel“ gegoogelt und einen Artikel der Rheinischen Post über die geplante Sanierung gefunden. Dieser Artikel beginnt – unter einem großen Foto unseres altehrwürdigen Rathauses mit dem Satz: „Das Gebäude aus dem Jahr 1985 ist marode. Spätestens 2020 soll es erneuert werden.“

Ähem – ich bin keine Historikerin und auch keine Architektin, aber dieses Gebäude da am Marktplatz im Herzen unseres Ortes, das ist doch älter als knapp 35 Jahre? Das war das, was ich dachte. Obwohl ich mich generell mehr für Zukunft als für Vergangenheit interessiere, beschloss ich, das für mich zu klären.

Ich schrieb ans Kulturamt der Gemeinde und fragte nach. Die Antwort war kurz und kam prompt: „Das Rathaus ist der hintere Gebäudeteil und das Bürgerhaus der vordere, daher Ihre Verwirrung ob der Daten.“

Ach so  – ein klassisches Goldwaagenproblem und ich hatte das falsche Wort drauf gelegt. Aber die Antwort befriedigte mich nicht. Auf unserem „Bürgerhaus“ steht in großen Lettern Rathaus. Das heißt für mich, es muss auch mal ein Rathaus gewesen sein.

Ich sprach mit Klaus Müller, 1. Vorsitzender vom Heimatverein, der musste es schließlich wissen. Und ich lernte – unser Bürgerhaus am Markt, an dessen Vorderseite in großen Lettern R A T H A U S  prangt, war einst eine Sparkasse.

Ach so. 😉

Klaus Müller, konnte meine Verwirrung am Telefon offenbar hören und schob wie zur Erklärung schnell einen Satz hinterher: „Ja, ja, Waldniel war immer schon ein bisschen speziell.“

Aber er klärte mich auch auf, ich las zusätzlich noch im Heimatbuch des Kreises Kempen-Krefeld aus dem Jahr 1973 einen Beitrag von Maria Jansen über  „Das Waldnieler Rathaus und seine Madonna“ und so weiß ich nun tatsächlich einiges mehr.

Das ist nun die wirkliche Geschichte unseres nun preisgekrönten Sparkassen-Bürgerhaus-Rathauses, das eigentlich das alte Haus Kirschkamp ist:

Waldniel hatte schon immer einen tollen Marktplatz. „Nicht viele Gemeinden von der Größe des alten Waldniels hatten einen so ansehnlichen Marktplatz“, schreibt Maria Jansen in ihrem Beitrag. Und schon immer stand das Waldnieler Rathaus auf diesesm Markt, allerdings nicht immer an derselben Stelle.

An diesem Marktplatz ließ der damalige Bürgermeister Waldniels, Johannes Peilers, im Jahr 1726 ein Rathaus bauen. Es stand ungefähr da, wo heute der Brunnen mit der Leinenwäscherin ist.

Viele Jahrzehnte später, in den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts, wurde dieses Rathaus „optisch modernisiert“ – was aus heutiger Sicht so viel heißt wie verhunzt, denn man hatte tatsächlich den wunderschönen Backstein verputzt. Dass ich mit dieser Ansicht nicht allein bin, belegt ein Zitat aus Maria Jansens Artikel. Sie lässt darin einen Waldnieler Bürger mit dem folgenden Satz zu Wort kommen: „Ech kösch jriene, wenn ech dur Neel jonn.“ [Man erlaube mir an dieser Stelle die Bemerkung – das geht mir heute auch so, wenn ich die Lange Straße runter gehe … ]

Muttergottesstatue als Deko

Offenbar wollte man den neuen Look noch ein bisschen aufpeppen und beauftragte im Jahr 1895 eine Muttergottesstatue als besonderes Schmuckstück fürs Rathaus. Sie wurde in Köln erstellt nach dem Vorbild einer Statue am Kölner Dom, allerdings mit etlichen Änderungen. Sie erhielt ihren Platz auf einem Sockel über der Eingangstür des Rathauses. Hier stand sie bis 1930. In diesem Jahr wurde das Rathaus abgerissen. Die kunstvolle – und teure – Statue wurde auf einem Speicher eingelagert.

Zwei Jahre zuvor, im Jahr 1928 hatte die Gemeinde das im Jahr 1817 erbaute Haus Kirschkamp am Markt gekauft. Heute hat dieses Haus die Postanschrift Markt 20 und das ist eindeutig die Adresse, wo wir jemanden hinschicken, der nach dem Rathaus fragt. Und das ist auch gut so – denn wenn wir dann anfingen, von einem Bürgerhaus zu sprechen, wäre jeder Ortsunkundige nur verwirrt, wenn er sich im Bürgerhaus im Rathaus wiederfinden würde. Das heutige Rathaus nämlich, das wurde erst 1985 hinten angebaut.

Ach ja – und die Muttergottesstatue? An die erinnerte man sich dann irgendwann auch wieder und sie erhielt im Jahr 1945 ihren neuen Ehrenplatz in einer Ecknische im ersten Stock, an dem sie auch heute noch steht und sich hoffentlich darüber freut, dass sie nun das schönste Rathaus am Niederrhein schmücken darf.

 

 

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