Ein kleines Team von vier Personen organisiert die Ausstellung WIR Schwalmtaler*innen. Jede/r für sich eine Expertin, ein Experte auf ihrem/seinem Gebiet. Wir stellen sie hier nach und nach vor. Den Anfang macht Zoe Niomanaki, die den ersten Teil unserer Ausstellung verantwortlich betreut. Ihre Sammlung authentischer Fotos dokumentiert das Leben von anfangs 500 Griechen und Griechinnen in und um das Gelände der „KUAG“ in den 60er Jahren. Zoe ist 52 Jahre, geschieden und Mutter von zwei Töchtern (18 +20).

Foto: Zoe privat

Zoe hat Germanistik, Kunstgeschichte und Medienwissenschaft studiert und 14 Jahre als Journalistin beim WDR vielseitige Aufgaben erledigt. Für’s Radio schrieb sie Kultur- und Szenereportagen, arbeitete redaktionell fürs Fernsehen, lieferte TV-Reportagen über die Griechenland-Krise und sie war die griechische Stimme aus dem Off zu Beginn von Sendungen mit der Maus, in denen es in der Anmoderation hieß: „Das war Griechisch.“

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

11 Jahre arbeitete sie als Honorardozentin für Deutsche Sprache, erteilte Deutsch-Nachhilfe für deutsche Schüler*innen und leitete Integrationskurse für Zugewanderte. Ihr Talent als Kulissenmalerin und Bühnenbildnerin bewies sie bei der TV-Serie „Ta paidia tis Niovis“, ein 16-teiliger Historienfilm.

Leben ist Veränderung

Zoe studierte ein weiteres Mal und zwar Pflegewissenschaft, Soziale Arbeit und Diversity Management. Danach engagierte sie sich acht Jahre lang in Kultur-Integrationsprojekten. Projektträger waren die Stadt Mönchengladbach, die AWO, oder auch der SKM. Die Projekte hatten so wunderbare Titel wie „AllRHEYDT-cooking“, „Intercultural Chillout“ oder „Meet & Eat“.  Sie arbeitete außerdem einige Jahre im Beschwerdemanagement eines Flüchtlingsheims und ist Anti-Rassismus/Anti-Diskriminierungsbeauftragte im Kommunalen Integrationszentrum des Kreises Viersen.

Wenn man sich diesen beruflichen Lebenslauf vergegenwärtigt, muss man nicht mehr viel dazu sagen, welches Expertinnen-Wissen Zoe in unser Orga-Team einbringt. Sie ist unsere Expertin für interkulturelle Kommunikation. Und weil sie nicht nur über eine besonders hohe interkulturelle Kompetenz verfügt und unheimlich viel weiß zum Thema Integration und Interkulturalität, sondern weil sie ganz einfach auch das Herz am rechten Fleck hat, könnte man sie auch Engel der Kulturen nennen.  Aber – wenn es auf dem folgenden Bild auch so aussieht – bei diesem Kunstprojekt ist die vielseitige Zoe Niomanaki nicht involviert.

Foto: Zoe privat

Zoe ist nicht nur die erste aus dem WIR Schwalmtaler*innen-Orga-Team, die wir hier vorstellen, sondern auch die erste überhaupt, der wir Fragen für unsere Reihe „Vorgestellt“ auf lebendiges-schwalmtal.de gestellt haben. Und sie hat bereitwillig und ausführlich geantwortet.

Du heißt Zoe Niomanaki. Nicht gerade ein typischer Name für eine Schwalmtalerin. Aber Du bist Schwalmtalerin. Warst Du das immer schon?

Ja, das stimmt, und was den Nachnamen angeht, ist er generell weder typisch, noch gibt es ihn „weltweit“ auch nirgends anderswo, außer hier in Schwalmtal, wo er sogar zwei Mal vorhanden ist – meine Mutter heißt auch so – denn er entstand aus einem „Ablese-Übertragungsfehler“ in Zeiten, in denen offizielle Dokumente noch mit der Hand zu Papier gebracht wurden. Mein Vorname ist griechisch und bedeutet „Leben“ und wird aber auch hierzulande in den letzten Jahren immer populärer.

Seit wann ich hier lebe? Seit der Markt noch mitten durch befahrbar war, seit das Rathaus noch nicht ausgebaut war und wir Kinder im heutigen ausgebauten Flügel, den zur Pumpenstraße hin, im alten Spielplatz mit bunten Murmeln auf dem Sandboden Turniere ausrichteten, seit das St. Martinsfeuer am Turm, der „Pestmühle“ angezündet wurde, seit man im „Gorissen-Haus“ außer Fahrkarten und Briefmarken auch Schreibwaren und Spielzeug kaufen konnte, seit es „Fluse“, „De Pomp“, „Teepott“, „Das Teehaus“, „Café Wunderlich“ und „Xalambo“ hier gab, seit … 52 Jahren also. Meine Mutter hat mich bis kurz vor meiner Geburt in Waldniel ausgetragen, mich jedoch aus persönlichen Gründen nicht hier, sondern in Thessaloniki geboren und mich drei Wochen danach mit zurück nach Waldniel genommen. Also ja, ich war es immer schon.

Was bedeutet für Dich Heimat?

Dieses Thema hat mich schon seit meiner Kindheit sehr beschäftigt. Sowohl beruflich wie privat. Habe sogar in beruflichem Kontext Mal eine kleine mediale Umfrage dazu gemacht und andere Menschen genau das gefragt. Denn ursprünglich dachte ich, es wäre ein geographischer Ort. Waldniel könnte so einer sein, weil ich hier aufgewachsen bin oder Thessaloniki, weil meine Eltern daher stammen oder Istanbul, als es noch griechisch war und Konstantinopel hieß, weil meine Großeltern daher stammen. In meiner Familiengeschichte gibt es nämlich seit vier Generationen (weiter zurück habe ich leider keine Informationen) niemanden, der dort gestorben ist, wo er geboren wurde. Flucht und Migration prägen diese „Wanderschaft“, demnach ist der Begriff „Heimat“ schon immer ein sehr wichtiger in meinem Leben gewesen. Meine persönliche Suche nach Definition und Ausfüllen dieses Begriffes kristallisierte die wundervolle emotionale Erkenntnis, dass Heimat der Ort ist, an dem Du Dich verstanden, angenommen, akzeptiert, sicher, frei fühlst und geliebt wirst. Und das kann individuell und für jeden praktisch überall auf der Welt sein. Wie wunderbar!

Was heißt für Dich Integration? Wann ist man integriert?

Ein sehr dehnbarer Begriff. Für mich bedeutet Integration auf politischer Ebene, dass man im wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Alltagskreislauf der Mehrheitsgesellschaft mit allen Rechten und Pflichten, die dies so mit sich bringt, aktiv eingebunden ist.

Gesellschaftlich bedeutet Integration die oben erwähnten Bereiche nicht nur faktisch und aus Pflichtbewusstsein auszufüllen, sondern gerne und von Herzen. An der Gestaltung der Gegenwart und vielleicht auch Zukunft des Lebensmittelpunktes, des Ortes an dem man lebt, aktiv und leidenschaftlich mitzuwirken.

Was ist Dein wichtigstes „Integrationsgeheimnis“. Was rätst Du neuen und alten Schwalmtaler*innen?

Prio Nummer eins ist es, die Sprache so gut wie nur möglich zu erlernen. Das ist der Schlüssel zu allem. Denn Sprache bietet Verständigung und Verständigung bedeutet „verstehen“ und „verstanden werden“.

Prio Nummer zwei ist es, offen und neugierig zu sein auf alles, positiv auf alles Neue zuzugehen.

Welche Frage – in Bezug auf Deine Herkunft – kannst Du nicht mehr hören?

Als Kind musste ich sehr oft die Frage über mich ergehen lassen, ob ich „zurück“ möchte. Womit sofort klar war, ich käme irgendwo anders her, wohin ich nach Auffassung der Menschen, die mich hier vor Ort wahrnahmen, irgendwann auch hin zurück hätte können/sollen oder sogar müssen, was für mir selbst ja gar kein Thema bis dato war.

Ich kann mich noch erinnern, dass ich, als ich dies das allererste Mal gefragt wurde, da war ich 11, danach total verwirrt nach Hause ging und meinen Vater fragte, ob wir „zurück“kehren würden. Er sagte mir, ich solle beim nächsten Mal, wenn ich dies wieder gefragt würde, antworten „In den Bauch meiner Mutter passe ich nicht mehr rein, also wohin zurück?!“ Das fand ich toll, es prägte mich und es ebnete nach und nach den Weg, mich sowohl privat als auch beruflich gegen Ausgrenzung und Diskriminierung und für die Integration und Gleichstellung von „Andersartigen“ einzusetzen.

Welche Frage – in Bezug auf Deine Herkunft – würdest Du gerne mal beantworten?

Ob ich mich mehr „deutsch“ oder „griechisch“ fühle. Dazu habe ich nur das Folgende zu sagen: Wenn man in zweiter Generation, geschweige denn dritter, vierter oder noch länger in einem Land lebt, dann sind die Übergänge der eventuell vorhandenen kulturellen Unterschiede zwischen der Herkunftskultur und der Gegenwartskultur sowas von fließend und sich befruchtend, dass man nicht „zwischen zwei Stühlen sitzt, sondern auf beiden“, und das ist ein wundervoller Zustand! Man genießt einen bunten Fächer von visuellen, auditiven, taktilen, haptischen, gustatorischen Wahrnehmungen wie Düfte, Farben, Bilder, Musik, Gewürze, Materialien, Stoffe, Orte usw. aus beiden Kulturen und sieht die Welt hoffentlich durch ein anderes Spektrum. Somit ist es für mich ein Geschenk aus mindestens zwei Kulturräumen schöpfen zu können und ein Zustand, den ich allen wünschen würde.

Hast Du einen Lieblingsplatz/ort in Schwalmtal?

Da ich fast mein komplettes Leben immer am oder um den Markt herum gewohnt habe, liebe ich ihn besonders und zwar jede seiner Ecken.

Zoe schminkt Kinder auf dem Waldnieler Markt beim Begegnungsfest 2019 des Asylkreises Schwalmtal Foto: Werner Lüders

Gibt es ein Mantra, einen Leitspruch, der Dich durch Dein Leben begleitet?

„Was Du nicht willst, dass man Dir tut, das füge auch keinem anderen zu“, „Leben und leben lassen“, sowie „Hilf Dir selbst, sonst hilft Dir keiner“ sind zwar alte Binsenweisheiten, aber bewährte für mich und Alltagsbegleiter seit ich denken kann.

Und zum Schluss: Gibt es etwas, das Du unbedingt los werden möchtest, das aber in keine deiner Antworten gepasst hat? Dann schreib es einfach auf. 

Gibt es, ja. Ich möchte betonen, dass sowohl ich selbst, als auch meine Kinder in diesem unserem Dorf eine schöne Kindheit erleben durften, frei von Angst und Gewalt, wofür ich mich von Herzen bedanken möchte, mit dem Wunsch, dass sich daran trotz beunruhigender Entwicklungen in den letzten Jahren bezüglich „Andersartiger“ nichts ändert, dass der Tenor im Dorf standhaft bleibt und sich auch weiterhin nicht diesem komischen fast bundesweiten Trend unterwirft. Danke!

Liebe Zoe, hoffentlich lesen alle Schwalmtaler*innen deine Antworten auf meine Fragen. Wir können alle davon lernen. Vielen, vielen Dank.

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